Was der Sieg gekostet hat

 

Der Denkfehler von Consumer-First liegt nicht darin, Konsumenten zu verstehen; das bleibt unverzichtbar. Er liegt darin, was man mit diesem Verständnis anfängt. Je mehr Energie in Personalisierung fließt, desto unsichtbarer werden Marken im kulturellen Raum. Je mehr Geld in personalisierte Reichweite fließt, desto lauter wird das Schweigen dahinter.

Social-First ist die konsequente Weiterentwicklung dieser Logik: Wenn der Konsument der Ausgangspunkt ist und der Algorithmus die Verteilung übernimmt, wird der Kanal zum Briefing. Wer mit „Was machen wir auf Instagram?“ beginnt, kann von dort aus keine integrierte Kampagne mehr denken. Das Ergebnis ist bekannt: eine Monokultur aus Content, der im Algorithmus mit Glück funktioniert, aber nicht im Gedächtnis der Menschen bleibt.

Eigentlich keine neue Idee

 

Owned, Earned und Paid Media, das sind Corporate Publishing, Public Relations und Werbung. Die Kanäle gibt es, seit es die Branche gibt, aber ihre Gewichtung war nie dieselbe. Im Zeitalter der großen Mediaagenturen dominierte Paid, weil Reichweite der knappe Faktor war. Anfang der 1990er trat die integrierte Kommunikation dagegen an: die Idee im Zentrum, alle drei Kanäle als gleichwertige Instrumente.

Eingelöst wurde das Versprechen nie – und Social-First hat es endgültig begraben. Strukturell ist es kein Fortschritt: TV-First mit anderen Kanallogos, der Algorithmus an Stelle des Mediaplans.

Was heute unter dem Label „Earned-First“ diskutiert wird, klingt deshalb neu, obwohl es eigentlich die Rückkehr zu einer alten Frage ist: Was müssen wir tun, damit Menschen freiwillig darüber sprechen? Diese Frage galt lange als optional. Heute ist sie der eigentliche Qualitätsmaßstab.

Das Signal ist eine Personalentscheidung

 

Das interessanteste Signal ist eine Personalentscheidung. Uncommon Creative Studio, eine der begehrtesten Kreativagenturen weltweit, hat 2025 eine eigene PR-, Culture- & Influence-Practice gegründet. An der Spitze steht Randy Manicks, zuvor Managing Director bei John Doe, einer Londoner Agentur für kulturelle Kommunikation mit Kunden wie Nike, Instagram und LVMH.

Die Besetzung ist ein Statement: Uncommon holt sich keine klassische Pressearbeit ins Haus, sondern kulturelle PR-Kompetenz. Dahinter steckt die Einsicht, dass sich Earned-Kompetenz nicht mehr outsourcen lässt, weil sie im kreativen Prozess selbst anfängt und nicht erst in der Nachbereitung. Co-Founder Nils Leonard bringt es so auf den Punkt: „Fame creation is at the core of our operating system – a fundamental, not an afterthought.“

Wie das in der Praxis aussieht, hat Uncommon während der New York Fashion Week 2025 vorgeführt: ein Greifautomat in SoHo, eine originale Hermès Birkin als Preis, prinzipiell ungewinnbar. Keine Pressemitteilung, Hunderte Wartende, globale Medienresonanz. Reibung erzeugt Gespräche. Gespräche erzeugen Fame.

Eine Birkin, die man nicht gewinnen kann, bleibt im Gedächtnis. Die Claw Machine steht als Metapher für New Yorks Obsession mit unerreichbarem Luxus – man sieht den Preis, man greift danach, man scheitert. Lead Creative Sam Shepherd: „In NYC, pain is the cost of proximity to greatness.“

Das Projekt heißt PAIN, entstanden aus eigenem Antrieb, ohne Kundenauftrag. Gerade das macht es als Beleg so überzeugend: Uncommon inszeniert sich selbst als Beweis für das Prinzip, das sie verkaufen. Ideen, die es wert sind, weitererzählt zu werden, auch ohne Mediabudget im Rücken. Die Kampagne ist kein Botschaftscontainer, sondern ein Erlebnis, das sich selbst erzählt.

Was das für die Praxis bedeutet

 

Earned-First ist vor allem eine Frage der Reihenfolge. Die Idee kommt zuerst, bevor über Kanäle oder Budget entschieden wird. Consumer Understanding bleibt der Ausgangspunkt: Human Truths, gesellschaftliche Spannungsfelder, kulturelle Einstiegspunkte – alles als Treibstoff für Ideen gedacht. Die entscheidende Frage verschiebt sich von „Was will der Konsument sehen?“ zu „Was würde der Konsument weitererzählen?“

Wer mit der zweiten Frage beginnt, denkt automatisch integriert. Eine solche Idee braucht PR-Intelligenz in der Entwicklung, nicht erst in der Nachbereitung, und Owned-Kanäle, die sie vertiefen. Paid Media verstärkt und verlängert, ersetzt aber nicht, was die Idee selbst leisten muss.

Randy Manicks formuliert es so: „Brands have a choice: earn attention, or pay for it. We'll always choose the first.“ Das klingt nach einer Positionierung. Es ist eine Entscheidung über die Art, wie man arbeitet – und das verlangt Konsequenz, nicht das einmalige Spektakel, sondern ein System, das immer wieder Dinge hervorbringt, die es wert sind, weitererzählt zu werden.

Was KI nicht kann

 

KI kann heute Content in jeder Qualitätsstufe produzieren, schnell, günstig, skalierbar. Was dabei nicht entsteht, sind Dinge, über die Menschen freiwillig sprechen. Das hat weniger mit Kreativität als mit Haltung zu tun: Earned Media ist das Ergebnis von Ideen, die über bloße Synthese hinausgehen und bereit sind, etwas zu riskieren.

Fame entsteht nicht durch das Erzählen von Geschichten, sondern durch Dinge, die es wert sind, erzählt zu werden. Dieser Satz beschreibt genau, was starke Markenführung von guter Content-Produktion unterscheidet. Und was die Branche in den vergangenen zwanzig Jahren systematisch aus dem Blick verloren hat.

Das Experiment ist ausgewertet. Die Frage ist, wer die Konsequenzen zieht.

Hier gibt es noch mehr: